Jede Stadt hat ihre Postkartenmotive. Wer in Wien shootet, kennt den Stephansdom von allen Seiten, hat vor der Secession gestanden und das Riesenrad bei jeder Tageszeit gesehen. Aber irgendwann fragt man sich: Gibt es hier nichts, das nicht jeder zweite Instagram-Account zeigt?
Die Antwort ist ja – aber man muss wissen, wo. Nicht, weil die Locations geheim wären, sondern weil sie im Schatten der großen Sehenswürdigkeiten stehen. Und genau das macht sie wertvoll für Shootings, die nicht nach Reiseführer aussehen sollen.
Der Otto-Wagner-Steg: Industrie trifft Jugendstil
Die grüne Fußgängerbrücke über den Donaukanal ist ein Paradebeispiel für Wiener Ästhetik: funktional, elegant, ein bisschen verwittert. Der Steg verbindet den 3. Bezirk mit der Urania und bietet einen Blick auf die Kanalbrücken, die Stadtbahnbögen und die Uferbäume. Morgens fällt das Licht weich durch die Bogenkonstruktion, abends zeichnen die Laternen lange Schatten.
Ich habe dort mal ein Boudoir-Shooting mit einer Tänzerin gemacht – die industrielle Kulisse kontrastierte wunderbar mit den fließenden Stoffen. Einzige Herausforderung: Passanten. Aber wer geduldig ist, wird belohnt.
Der Alte AKH-Hof: Stille im Klinikareal
Der Campus der Universität Wien im 9. Bezirk ist ein Labyrinth aus Innenhöfen. Einer der schönsten liegt versteckt hinter dem Hauptgebäude: ein Arkadengang mit wildem Wein, ein Brunnen, der selten läuft, und Bänke, auf denen niemand sitzt. Hier herrscht eine fast klösterliche Ruhe – ideal für Porträts oder Modeaufnahmen mit architektonischem Hintergrund.
Die Lichtverhältnisse sind tageszeitabhängig: Mittags fällt hartes Licht durch die Bögen, nachmittags wird es weicher. Wer den Hof für sich haben will, kommt am besten an Wochentagen vormittags.
Der Lainzer Tiergarten: Natur, die nach Wald aussieht
Ja, der Tiergarten ist ein Naturschutzgebiet und kein Zoo. Aber die wenigsten Fotografen nutzen ihn als Location. Dabei bietet er endlose Alleen, alte Bäume, Lichtungen und sogar verfallene Mauern – alles ohne Menschenmassen. Der Eintritt ist frei, aber Hunde sind nicht erlaubt, was die Ruhe erklärt.
Ein Tipp: Der Weg zur Hermesvilla ist besonders fotogen. Die Villa selbst ist oft für Events gesperrt, aber das Gelände drumherum bietet genug. Ich habe dort ein Hochzeitspaar im Herbst fotografiert – das Laub, das Nebellicht, die Stille. Es war, als wären wir allein auf der Welt.
Der Zentralfriedhof: Mehr als Gräber
Die meisten denken bei Friedhof an düstere Stimmung. Aber der Zentralfriedhof in Simmering ist ein Park von über zwei Quadratkilometern, mit alten Bäumen, weitläufigen Wiesen und einer Atmosphäre, die eher an einen englischen Landschaftsgarten erinnert. Die jüdischen und evangelischen Teile sind besonders ruhig und bieten ungewöhnliche Grabsteine als Hintergrund.
Wichtig: Respektvoll verhalten. Keine laute Musik, keine aufwendigen Sets. Aber ein stilles Porträt zwischen den Gräbern wirkt nie makaber, wenn die Haltung stimmt. Ich habe dort eine Serie über Vergänglichkeit gemacht – das Licht im Spätnachmittag, die verwitterten Engel, der Moosgeruch. Es war eines meiner intensivsten Shootings.
Der Donaukanal unter der Urania: Urbaner Underground
Die Ufer des Donaukanals sind bekannt, aber der Abschnitt direkt unter der Urania wird oft übersehen. Hier treffen sich Streetart, Graffiti und die alte Bausubstanz der Kaimauern. Die Unterführung mit den Säulen und der Blick auf die Stadtbahnbrücke ergeben eine fast düstere Ästhetik, die an Berlin oder London erinnert.
Abends wird es schummrig, die Neonreklamen spiegeln sich im Wasser. Perfekt für Fashion-Shootings mit Lederjacken oder für experimentelle Beauty-Aufnahmen. Einzige Einschränkung: Bei Regen ist der Boden rutschig, und manchmal riecht es nach Urin. Aber das gehört zum Charme.
Fazit
Wien hat mehr zu bieten als seine Prachtbauten. Die unterschätzten Locations warten darauf, entdeckt zu werden – man muss nur den Blick von den Touristenpfaden lösen. Vielleicht ist es der Zauber des Unperfekten, der diese Orte so besonders macht: die verwitterten Stege, die stillen Höfe, die Wildnis im Stadtpark. Probieren Sie es aus. Ihr Portfolio wird es Ihnen danken.



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