Casting oder TFP? Wann welches Format sinnvoll ist
Es ist ein vertrautes Bild: In einer Facebook-Gruppe für Fotografie postet jemand ein Casting für ein bezahltes Editorial – und nur wenige Stunden später erscheint ein Kommentar: „Warum nicht TFP? Das ist doch fair für beide Seiten.“ Die Diskussion ist alt, die Lager sind verhärtet. Aber die Wahrheit liegt, wie so oft, im Detail.
Ich erinnere mich an ein Shooting vor einigen Jahren. Eine junge Modelanwärterin hatte sich auf ein Casting beworben, das ich ausgeschrieben hatte – bezahlt, aber mit einem eher kleinen Budget. Sie schrieb mir eine freundliche Nachricht, ob wir nicht lieber TFP machen könnten, da sie noch am Anfang stehe und ihr Portfolio aufbauen wolle. Ich willigte ein, und wir trafen uns in einem Loft in Berlin. Das Ergebnis war solide, aber nicht außergewöhnlich. Sie bekam Bilder für ihre Mappe, ich bekam Motive für mein Book. Doch im Nachhinein fragte ich mich: Hätte ich nicht lieber jemanden mit mehr Erfahrung gebucht, der das Honorar wert gewesen wäre? Und hätte sie nicht vielleicht mehr von einem Casting profitiert, bei dem sie gelernt hätte, wie professionelle Abläufe funktionieren?
Die Frage „Casting oder TFP?“ ist keine Glaubensfrage, sondern eine strategische Entscheidung. Sie hängt von mehreren Faktoren ab: deinem Ziel, deiner Erfahrung, deinem Budget und dem Projekt selbst.
Was TFP wirklich bedeutet
TFP steht für „Time for Prints“ – oder, moderner, „Time for Portfolio“. Es ist ein Tauschgeschäft: Der Fotograf investiert Zeit und oft auch Location oder Equipment, das Model investiert seine Zeit und sein Erscheinungsbild. Am Ende erhalten beide die Bilder zur eigenen Nutzung. TFP ist kein Ehrenamt, sondern ein Handel. Und wie bei jedem Handel sollte der Wert für beide Seiten stimmen.
Ich habe TFP-Shootings gemacht, die zu meinen liebsten Projekten gehören. Zum Beispiel mit einer Maskenbildnerin, die ein aufwendiges Make-up-Konzept umsetzen wollte. Wir trafen uns an einem verregneten Sonntag in einem alten Theater, das ich für einen Tag mieten konnte. Sie brachte Kostüme mit, ich brachte Licht und Kamera. Keiner von uns hätte das Honorar zahlen können, das ein professionelles Team gekostet hätte. Aber gemeinsam entstanden Bilder, die uns beiden Türen öffneten. Sie bekam eine Referenz für ihre Mappe, ich bekam ein starkes Editorial.
TFP ist ideal, wenn:
- du ein spezifisches Konzept umsetzen willst, das experimentell oder aufwendig ist,
- beide Seiten noch am Anfang ihrer Karriere stehen und Portfolio brauchen,
- die Zusammenarbeit auf Augenhöhe stattfindet und klare Vereinbarungen getroffen werden (Nutzungsrechte, Abgabefristen, Bildauswahl).
Doch TFP hat auch Schattenseiten. Es kann zu Unverbindlichkeit führen, wenn keine Zahlung im Spiel ist. Ich habe schon erlebt, dass ein Model eine Stunde vor dem Shooting absagte, weil „sich etwas Privates ergeben“ hatte. Bei einem bezahlten Job wäre das nicht passiert. TFP erfordert ein hohes Maß an Verbindlichkeit und gegenseitigem Respekt – und den hat nicht jeder.
Wann ein Casting die bessere Wahl ist
Ein Casting bedeutet in der Regel, dass der Fotograf oder Kunde ein Honorar zahlt – sei es an das Model, den Stylisten oder das gesamte Team. Es ist ein Arbeitsverhältnis, mit allen Rechten und Pflichten. Für viele Berufsfotografen ist das die Regel: Sie arbeiten im Auftrag von Magazinen, Agenturen oder Brands, und diese zahlen.
Ich selbst habe lange gezögert, Castings auszuschreiben, weil ich dachte, ich müsse erst „gut genug“ sein, um zu zahlen. Aber das ist ein Trugschluss. Ein Casting zu zahlen bedeutet nicht, dass du weniger talentiert bist. Es bedeutet, dass du die Arbeit anderer wertschätzt und dass du ein klares Produkt erwartest. Bezahlte Shootings sind in der Regel professioneller: Die Vorbereitung ist gründlicher, die Pünktlichkeit ist selbstverständlich, und die Ergebnisse sind oft konsistenter.
Ein Casting ist sinnvoll, wenn:
- du ein kommerzielles Projekt umsetzt, das bestimmte Anforderungen erfüllen muss (z. B. Produktfotografie, Modekatalog),
- du mit erfahrenen Models arbeiten möchtest, die wissen, wie sie sich vor der Kamera bewegen,
- du ein festes Budget hast und kalkulierbar bleiben willst,
- du langfristige Geschäftsbeziehungen aufbauen möchtest.
„Bezahlte Zusammenarbeit schafft Klarheit: Beide Seiten wissen, was sie erwartet, und können sich voll und ganz auf das Shooting konzentrieren.“
Natürlich gibt es auch Grauzonen: Manche Fotografen zahlen ein kleines Honorar plus TFP für die restliche Nutzung. Andere bieten „bezahlte TFP“ an, bei der das Model eine geringe Aufwandsentschädigung erhält. Solche Modelle können eine gute Brücke sein.
Die Entscheidung im Einzelfall
Letztlich gibt es kein richtig oder falsch. Ich habe schon bezahlte Shootings gemacht, die uninspiriert waren, und TFP-Shootings, die zu meinen besten Arbeiten zählen. Der Unterschied lag nicht im Format, sondern in der Haltung der Beteiligten. Entscheidend ist, dass du dir vorher klar machst, was du brauchst und was du geben kannst.
Frage dich: Ist das Projekt ein Herzensprojekt oder ein Brotjob? Arbeitest du mit jemandem zusammen, der genauso viel investiert wie du? Kannst du dir das Honorar leisten, ohne in finanzielle Schieflage zu geraten? Und vor allem: Respektierst du die Arbeit der anderen?
Wenn du unsicher bist, sprich es offen an. Die meisten Kreativen sind bereit, über Modelle zu verhandeln. Ein ehrliches Gespräch vor dem Shooting ist besser als ein Missverständnis danach.
Am Ende geht es nicht um die Bezeichnung – Casting oder TFP – sondern um die Frage: Ist das, was wir hier tun, fair für alle? Wenn du diese Frage mit Ja beantworten kannst, hast du die richtige Wahl getroffen.



💬 Kommentare · 0 Kommentare
Sei der/die Erste, der/die kommentiert.